Kinder sind individuell

Ich sitze auf meinem Rollhocker im Gruppenzimmer.

Die Frühstückszeit neigt sich dem Ende.

Ich habe mit den Kindern im Smalltalk über ihre Erlebnisse vom Wochenende geplaudert.

Sven war das ganze Wochenende bei Oma & Opa. Sie haben einen Ausflug an einen See gemacht und dort gemeinsam eine Sandburg gebaut.

Pauline hat in ihrem Zimmer einen Einkaufsladen. Sie hat alles sortiert und neue Einkaufsschilder gemalt, damit Mama bei ihr einkaufen kommen kann.

Oskar hat sogar einen Flyer mitgebracht und erzählt sprudelnd vom großen Schaufelradbagger, der früher die Kohle aus der Erde geschaufelt hat.

Die meisten Kinder sind fertig mit frühstücken und wir entschließen uns, abzuräumen.

Ich bleibe auf meinem Hocker sitzen und beobachte das Treiben. Es ist wunderbar zu sehen, wie Jeder Teller & Tasse auf das Tablett sortiert. Einige holen auch die Getränkekannen und bringen sie auf den Tisch, wo sie den ganzen Tag den Kindern zur Verfügung stehen. Andere stellen die kleinen Tischabfalltonnen auf den Geschirrwagen, der dann in die Küche vom Kindergarten gefahren wird.

Anna geht geradewegs am Tablett vorbei und verlässt mit dem Geschirr in der Hand das Zimmer in Richtung Bad.

Ich lächle in mich hinein und warte ab, was passiert.

Vor einiger Zeit noch hätte ich hinterher gerufen: „Anna, du hast dein Geschirr vergessen auf das Tablett zu stellen!“.

Heute tu ich das nicht mehr. Heute lass ich die Kinder in ihren eigenen Gedanken. Heute weiß ich, dass Kinder viel mehr lernen, wenn wir ihnen nicht ständig hinterher rufen, wenn sie etwas vergessen haben oder durcheinander bringen. Heute weiß ich, dass Kinder aufmerksamer werden, wenn ihnen selbst bewusst wird, dass sie was vergessen oder „falsch“ gemacht haben. Es ist wichtig, dass wir den Kindern zugestehen, „Fehler“ zu machen und diese selbst zu erkennen.

Spätestens, wenn Anna vor dem Waschbecken steht und den Wasserhahn öffnen möchte, merkt sie, dass ihre Hände nicht frei sind.

Ich beobachte, dass Anna grinsend zurück kommt und mich ansieht. „Heike, ich bin mit dem Geschirr ins Bad gegangen!“, sagt sie zu mir und klatscht sich mit einer Hand gegen die Stirn. Ich zwinker sie an und antworte: „Ich weiß Anna!“.

Ich denke, dass Anna an diesem Morgen mehr über sich entdeckt hat, als wenn ich ihr hinterher gerufen hätte. Diese Prozesse sind wichtig für das eigene Kennenlernen, das eigene (unbewusste) Reflektieren und die eigenen kommenden Entwicklungsschritte.

Kinder verlassen sich zunehmend darauf, dass die Erwachsenen für sie mitdenken, dass die Erwachsenen sie erinnern. Dabei verlernen sie, im Hier & Jetzt zu bleiben. Sie sind im Kopf schon beim nächsten Schritt oder schwelgen in Erinnerungen. Im Fall Anna war sie in Gedanken vielleicht schon beim Waschen im Bad, beim Spielen danach oder vielleicht bei den Erlebnissen vom Wochenende. Wir nehmen mit unserem „FürDieKinderDenken“ den Kindern die Chance, sich zu entwickeln und selbstständig zu denken. Wir Erwachsenen neigen dazu zu denken, wir würden den Kindern helfen, wenn wir ihnen etwas abnehmen oder sie vor „Fehlern“ beschützen. Aber es ist keine Hilfe, sondern eher das Gegenteil.

Das muntere Abräum-Gewusel nach dem Frühstück neigt sich nun langsam dem Ende. Bald sind auch die Tische sauber gewischt und für das Treiben am Vormittag vorbereitet.

Nur Erik sitzt noch gemütlich vor seinem Teller und frühstückt in seeliger Ruhe. Er ist der wahre Genießer der Frühstückszeit. Aber auch er wird sein Ende finden und sich um sein Geschirr und seinen Platz kümmern.

Dass Oskar nach wie vor vergisst, seinen Rucksack nach dem Frühstück in die Garderobe zu bringen, kann ich mittlerweile ganz gut ignorieren. Ich habe diesbezüglich meine Sichtweise total verändert.

Was ist schlimm daran, wenn der Rucksack weiter am Stuhl hängen bleibt?

Manchmal tippen andere Kinder Oskar auf die Schulter und sagen ihm, dass sein Rucksack noch am Stuhl hängt. Manchmal bemerkt er es plötzlich selbst, wenn sein Blick zufällig darauf fällt.

Es wird der Tag kommen, dann denkt er gleich nach dem Frühstück daran, den Rucksack weg zu bringen. An diesem zukünftigen Tag hat er einen für sich individuellen Entwicklungsschritt gemeistert.

Kinder sind individuell. Individuell im Charakter. Individuell in ihren Interessen. Individuell in ihren Entwicklungsschritten. Lassen wir diese Individualität zu – auch beim Vergessen des Rucksacks.

Den Tagesablauf in meiner Gruppe habe ich so umgestaltet, dass jedes Kind seinen individuellen Interessen und Plänen nachkommen kann und genügend Zeit zum Entdecken des Lebens besteht. Die Räume sind so gestaltet, dass die Kinder zu allem selbstständig Zugang haben. Kleine Schilder auf den Tischen erinnern an die individuellen Trinkpausen; Pictogramme an Schränken und Wänden geben Hinweise auf Material und Regeln.

Zusätzliche Bildungsinhalte und neues Input erfahren die Kiddis während des gesamten Vormittages und über sogenannte Aufgabenschalen, die 14tägig wechseln. In diesen „Schalen“ bzw. Ablagen liegen Rätsel, Blätter, Experimente etc zu aktuellen Projekten oder Themen der Kinder.

Die Kinder planen selbst oder mit mir gemeinsam, wie sie den Vormittag gestalten. Sie bekommen genügend Zeit, um zwischen dem Spielen (wobei sie ja am meisten lernen) und den zusätzlichen Bildungsinhalten zu wechseln.

Ich denke, dass es wichtig ist, dass Kinder frühzeitig lernen, zu planen und sich zu organisieren. Einzeln, zu zweit oder in einer Gruppe.

Wenn sie am Morgen in den Kindergarten kommen, dann haben sie schon ihre Pläne im Kopf, ja vielleicht sogar schon am Abend davor. Sie wollen vielleicht den Kokon aus Lego weiter bauen, das große Puzzle mit dem bunten Schmetterling weiter puzzeln, das Memory von der Raupe Nimmersatt mit der Freundin spielen, oder vielleicht die dritte Aufgabenschale erfüllen, bei der die Früchte geknetet werden, die die Raupe Nimmersatt gefressen hat …

Es gibt aber auch diese andere Individualität: Die Kinder, die ohne Pläne jeden Tag in den Kindergarten kommen. Die Kinder, die so gar keine eigenen Ideen mitbringen und lieber zugucken oder andere machen lassen. Geht es ihnen gut damit? Ganz bestimmt. Ihr Weg zu lernen und zu entdecken ist das Beobachten und Abgucken. Vielleicht probieren sie dann zu Hause Dinge aus, die sie am Tag bei den anderen Kindern beobachtet haben. Manche wollen einfach nicht in der Masse mitmischen, weil sie mit einem Buch in einer Ecke im Zimmer glücklich sind.

Schenken wir ihnen unser Vertrauen mit dem Wissen, dass auch sie eines Tages den mutigen Schritt in eine Spielgruppe wagen. Schenken wir ihnen unser Vertrauen, dass auch sie eines Tages eine neue Idee vorzeigen werden.

Caroline hat sich bei den Geburtstagsfeiern im Kindergarten immer zurück gezogen. Pünktlich, wenn nach dem gemeinsamen Lied für das Geburtstagskind ein gemeinsames Spiel dran war, setzte sich Caroline in unsere Kuschelecke und sah der Runde von Weitem zu. An all ihren eigenen Geburtstagen während der gesamten Kindergartenzeit war sie entschuldigt, weil sie nicht im Mittelpunkt stehen wollte. Doch an ihrem 6. Geburtstag, der der letzte im Kindergarten für sie war, kam sie stolz mit einem Geburtstagskuchen zu uns in die Gruppe, um ihren Geburtstag mit uns zu feiern. Und sie hatte sich sogar ein Spiel überlegt, das sie bei der Feier mit allen Kindern spielen wollte.

Egal, welcher Individualität der Kinder wir Erzieher*innen gegenüber stehen, wir werden diese nur erkennen, wenn wir die Kinder bewusst beobachten und ihnen als vertrauter Begleiter zur Seite stehen.

Geben wir ihnen die Möglichkeit und die Zeit, ihre Pläne und Ideen umzusetzen. Geben wir ihnen die Möglichkeit, dies auch in ihrem individuellen Rhythmus zu tun. Besprechen wir mit ihnen gemeinsam den Tag oder gar die kommenden Tage und verdeutlichen dies mit Pictogrammen im wöchentlichen / monatlichen Kalender.

Klar können und müssen Pläne auch mal verschoben werden. Auch das muss gelebt werden, um den Umgang damit zu lernen. Dann ist es aber wichtig, gemeinsam darüber zu sprechen und das Umzuplanen zu lernen. Wir Erwachsene wissen selbst, wie es ist, wenn Pläne nicht funktionieren. Das macht uns unzufrieden, launisch, lustlos. Auch den Kindern ergeht es so. Deshalb versetzen wir uns in die Lage der Kinder, um ihre Freude oder ihren Ärger zu verstehen. Wir begleiten sie beim Erfüllen und notwendigem Neuorganisieren ihrer individuellen Pläne.

Individualität

[Individualität]

SUBST

geh.

… die Gesamtheit aller Merkmale, welche den einzelnen Menschen von allen anderen Menschen unterscheidet.

https://www.bing.com/search?FORM=SLBRDF&pc=SL11&q=individualität (abgerufen am 04.05.2020)

Jedes Kind unterscheidet sich von anderen Kindern.

Jedes Kind entwickelt sich in seinem individuellen Rhythmus.

Jedes Kind erreicht individuelle Ziele.

Jedes Kind zeichnet individuelle Interessen aus.

Jedes Kind ist I N D I V I D U E L L.

Diese Individualität heraus zu finden und zu fördern ist das Spannende am Beruf der/des Erzieherin/Erziehers. Die Kinder beim Entfalten ihrer Individualität zu begleiten und sie in ihrer Individualität zu bestärken, bereitet sie sicher und selbstbewusst auf das Erwachsenenleben vor. Wenn es uns gelingt, dass die Kinder schon im Kindergarten herausfinden, was sie im Erwachsenenleben glücklich macht und erfüllt, haben wir einen wundervollen Grundstein gelegt.

Deshalb …

Gebt den Kindern Zeit für ihre individuellen Pläne, Interessen und Ideen.

Gestaltet den Rahmen so, dass sie sich individuell entwickeln können.

Beobachtet sie und findet ihre Individualität heraus.

Wenn ich nicht gerade auf dem Fußboden zwischen den Kindern sitze,

mit der Gitarre ein Lied träller oder

den Kiddis beim Vorbereiten des Obstfrühstücks helfe,

dann sitze ich beobachtend auf meinem Hocker und bin für die Kinder da:

als Begleiter, Zuhörer, Kuscheltier, …

Heike 🙂