Die Sprache entdecken …

„Osterzeit ist wieder da,

das letzte Mal war´s vor einem Jahr.

Der Osterhas´ versteckt ein Ei,

husch, husch, husch nun sind´s schon drei.

Nun können wir suchen

unter den Linden und unter den Buchen.

Jeder hat ein Ei gefunden,

mit einer Schleife darum gebunden.

Wir danken dir lieber Osterhas´,

weil du wieder an uns gedacht hast.“

Dieses Gedicht schrieb ich vor vielen vielen Jahren – damals war ich 10 Jahre alt. Ein Ostergedicht mit einfachen Reimen und verständlichem Inhalt – eben von einem Kind geschrieben. Sprache hat mich schon immer interessiert, Bücher gehörten zu meinem Alltag, Zeitungen wurden gelesen – alles den Erwachsenen nachgeahmt.

Ständig gab es Gelegenheiten zum Erzählen und Austauschen über Freude, Ärgernisse und die alltäglichen Dinge. Heute ist vieles automatisiert – Maschinen „schenken“ uns mehr Zeit. Das Geschirr wird nicht mehr gemeinsam abgewaschen und abgetrocknet – das übernimmt der Geschirrspüler. Die Wäsche muss nicht mehr zwingend aufgehängt werden – das übernimmt der Trockner. Und die vermeintlich „gewonnene“ Zeit ist nirgends zu finden. Miteinander reden ist fast Luxus geworden. Dabei ist dies so wichtig für die Sprachentwicklung eines Kindes.

Gemeinsam Bücher anschauen, lesen, vorlesen, zu den Bildern erzählen oder selbst Geschichten ausdenken … diese Zeit sollten wir den Kindern täglich schenken, um ihnen das Sprechen lernen zu erleichtern. Dabei geht es nicht allein um das Beherrschen der Wörter und deren richtige Aussprache, sondern auch um das Begreifen der Welt. Mit der Sprache eignet sich das Kind auch sein Wissen an, kann Aussagen begreifen und umsetzen.

Kinder (und auch wir Erwachsene) lernen durch stete Wiederholung und Anwendung des Gelernten. Wiederholung gleicher Dinge, um sie zu begreifen, zu verinnerlichen und selbst anzuwenden. Eine Geschichte immer wieder vorgelesen, lässt sich besser verstehen und abspeichern. In Gesprächen über die Geschichte ist zu erkennen, ob es das Gelesene auch verstanden hat – eine Vorübung für das Wiedergeben von textlichen Inhalten später in der Schule. Dieser sprachliche Austausch vertieft wiederrum das immer wieder Gelesene. Bald kann man dem Kind gezielte Fragen zur Geschichte stellen. Kinder sind stolz, wenn sie auf Fragen eine Antwort kennen. Ermöglichen wir ihnen diesen Stolz.

Perfekt wäre es, wenn das Buch oder die Geschichte die aktuellen Lebensthemen des Kindes widerspiegelt. So kann es Inhalte aus dem Buch auf sein eigenes Leben projizieren. Es lernt, Sprache und Handeln in Beziehung zu setzen und seine eigenen Emotionen, Fragen und Antworten zu verstehen und einzuordnen.

Bei meinen Beobachtungen in der Kindereinrichtung nehme ich wahr, dass es bei Kindern gravierende Unterschiede in der angewandten und verstandenen Sprache und auch im Aneignen und Begreifen der Umwelt gibt: eigenes selbstständigen Lernen, viele kreative Ideen und sprachliches Verständnis stehen im Gegensatz zu ständig notwendiger „Animation“ durch die Erwachsenen, keine eigenen Ideen, fehlender Eigeninitiative und Sprachdefizite. In meinem Bekanntenkreis gibt es ein 2 ½-jähriges Mädchen, das sich allein beschäftigen kann – im Spiel und Ausprobieren seine Grenzen kennenlernt. Sie liebt es, Bücher anzuschauen und zu lesen und schnattert den ganzen Tag 😉 Sie ist in ihrer Sprachentwicklung sehr weit: sie spricht sehr deutlich, hat einen sehr großen Wortschatz und kann die Aussagen der Erwachsenen verstehen und anwenden. Von den Eltern weiß ich, dass sie bisher noch keinen Kontakt zum Fernsehen hatte und nur in einzelnen Fällen kurze Videos auf dem Handy / Tablet anschaut – nur im Beisein der Eltern und nur für max. 10 min.

Manfred Spitzer benennt in seinem Buch „Cyberkrank“ die Wichtigkeit des sprachlichen Austausches – des Dialoges. So schreibt er, dass Kinder leichter sprechen lernen, wenn sie dem Erwachsenen, der mit ihnen spricht, auf den Mund schauen können. Dieses gleichzeitige Sehen und Hören von gesprochener Sprache kann mit Bildschirmen nicht nachgeahmt werden. „Setzt man die Kinder dennoch vor den Bildschirm, bleiben sie in ihrer Sprachentwicklung zurück.“ (vgl. Spitzer, 2017, S. 210)

Miteinander unterhalten unterstützt die Kinder demzufolge in der Entwicklung ihrer Sprache. Miteinander unterhalten kann auch so einfach sein und Spaß machen: Gemeinsam Reime zu finden, einen Tischspruch zum aktuellen Thema auszudenken und gemeinsam Rätsel zu lösen, kann jederzeit im Alltag eingebaut werden. Auch wir können den Kindern „Warum-Fragen“ stellen, um mit ihnen in die Tiefe der Sprache und des Wissens zu gehen. Wörter mit einem bestimmten Anfangsbuchstaben zu finden, kann auch ein lustiges Spiel in den Übergangsphasen im KiTa-Alltag oder auf der Autofahrt sein.

An dieser Stelle möchte ich auf das Sprechen in Sätzen hinweisen. Dies fällt den Kindern zunehmend schwerer. Antworten auf Fragen werden mit einzelnen Worten gegeben und oft tolerieren wir das. Die Frage: „Kann ich einen Roller?“ ist nicht vollständig. Da fehlt ein Wort. Möchte das Kind einen Roller haben oder anschauen oder malen oder reparieren? Diese Frage kann deshalb unterschiedlich interpretiert werden – ebenso ist es bei unvollständigen Antworten. Missverständnisse entstehen. Es ist wichtig, dass wir uns die Sprache selbst wieder bewusst machen und uns Zeit dafür nehmen. Wenn Wörter im Satzbau fehlen, wird dies spätestens in der Schule beim ersten Aufsatz als falsch bewertet.

Sprache ist ein sehr wichtiger Baustein im gemeinsamen Miteinander und dem täglichen Leben. Unsere Kinder benötigen diesen Baustein, um sich in ihrem Leben zurecht zu finden und weiter zu entwickeln. Helfen wir ihnen dabei.

Ich persönlich bin auch der Meinung, die Kinder bei falscher Aussprache verschiedener Wörter und Buchstaben sofort liebevoll zu verbessern. Wenn damit gewartet wird, bis es 4 oder 5 Jahre ist, hat das Kind diese falsch gesprochenen Worte schon sehr verinnerlicht. Es ist schwer, sich diese „plötzlich“ richtige Aussprache zu merken. Wenn dann ständig verbessert wird, kann es auch passieren, dass sich das Kind sprachlich zurückzieht. Wir selbst wissen, wie unangenehm es ist, plötzlich auf Dinge hingewiesen zu werden, die wir seit langer Zeit falsch machen. Wir wissen auch, wie schwer es dann ist, uns diese falschen Dinge abzugewöhnen und umzulernen. Spricht das kleine Kind falsch, dann sollte das falsche Wort von uns richtig gesprochen wiederholt werden. Dies betrifft auch die Grammatik. Spricht es dieses Wort beim nächsten Mal weiterhin falsch, dann wird dieses Wort dem Kind ganz langsam in der richtigen Aussprache vorgesprochen und die Aussprache geübt. Dabei helfen zum Beispiel Vergleiche mit Worten, bei denen das Kind den Buchstaben richtig aussprechen kann – und es helfen auch Sprachspiele und Reime. Wenn diese Ideen dem Kind bei seiner Aussprache für eine längere Zeit nicht helfen, dann sollte logopädische Unterstützung geholt werden.

Hier nun einige kleine spontane Anregungen von mir passend zum aktuellen Thema Ostern:

Reime:

Wer hüpft denn da durch´s grüne Gras? Das ist der kleine Oster…

 

Er hüpft ganz heimlich um die Eck und hat ein Osterei ver……

 

Zu Ostern scheint die liebe Sonne – ein Osterei liegt in der T….

 

Der Osterhas´ kommt nicht ins Haus, deshalb geh´n die Kinder r…

 

Tischspruch:

Beim Hasenfrühstück 1-2-3,

da gibt es heut kein Osterei.

Denn Hasen fressen – wir woll´n sie nicht stören –

am liebsten Gras und frische Möhren.

Guten Appetit

 

Rätsel:

Wer hüpft mit seinem weichen Fell

durch unsern Garten heut ganz schnell? (der Hase/der Osterhase)

 

Es ist ganz rund und manchmal bunt.

Man kann es rühren, kochen, braten.

Zu Ostern finden´s wir im Garten. (das Ei)

 

Wo kommen die Eier her? (von den Hühnern)

 

Sie ist eingepackt. Es gibt sie groß und klein. Sie ist dunkelbraun, hellbraun und manchmal auch weiß. Sie schmilzt im Mund und schmeckt meistens ganz süß. (die Schokolade)

 

Soweit spontan einige Ideen und Beispiele, die noch verfeinert und erweitert werden können. Selbst die Kinder haben da wundervolle Ideen, wenn man sie einmal dafür begeistert hat. Beim Reimen, dem Tischspruch und auch den Rätseln schenken wir den Kindern neben dem eigentlichen Blickwinkel auf die Sprache noch eine Wissensvermittlung passend zum Thema Ostern.

Ein kleines Osterwürfelspiel ist schnell angefertigt – auch mit den Kindern. Wenn Kinder die eigenen „Hersteller“ solcher Dinge sind, dann werden sie es auch mit Stolz verwenden und spielen. So schnell kann ein „mir ist langweilig“ in eine andere Richtung und weg vom Fernsehen gelenkt werden. Wenn man sich dann noch verschiedene Spielvarianten ausdenkt, lehrt man auch die Kinder, kreativ zu sein. Zum Beispiel kann man bei jedem gelben Ei etwas Gelbes in der Wohnung suchen oder etwas nennen, das gelb ist. Sind Würfelpunkte auf den Feldern können kleine Bewegungen zugeordnet werden: 3x klatschen, 2x hüpfen, 4x drehen etc. Oder wer auf dem Feld mit den drei Punkten steht, darf ein Osterei in der Wohnung suchen. Das setzt natürlich voraus, dass vorher welche versteckt wurden 😉 Die Phantasie kennt keine Grenzen. Bei all diesen gemeinsamen Zeiten werden viele Gespräche geführt, werden Regeln erklärt – alles entwickelt die Sprache der Kinder.

 

 

Hier noch eine Vorlage zum Selbstgestalten des Ostereierspieles nach den vorhandenen Farb- bzw. Punktewürfeln zu Hause. Tipp: Es gibt für die kleineren Kinder auch Punktewürfel mit den „Zahlen“ von 1-3.

Ostereierspiel_Vorlage_Heike Frommer_Faszination-Erzieherin

 

In einer Zeitschrift habe ich vor längerer Zeit eine kleine Oster-Bildergeschichte gefunden. Beim Vorlesen dieser Geschichte kann das Kind „mitlesen“, indem es die Bilder benennt. Ich habe mir diese Bilder damals alle vergrößert und an kleine Eisstäbchen geklebt. So können sich die Kinder, aber auch Erwachsenen eine eigene kleine Ostergeschichte ausdenken. Die Anzahl der Bilder kann dabei variiert werden – für eine kurze oder lange Geschichte. Aus verschiedenen Bildern eine eigene Geschichte auszudenken, macht den Kindern sehr viel Spaß. Nebenbei mitgeschrieben oder aufgenommen kann sie dann als eigene Ostergeschichte ins Portfolio des Kindes wandern oder auch den Großeltern zu Ostern geschenkt werden.

Heike von

Manfred Spitzer. Cyberkrank. 2017. Droemer Verlag