(Digitale?) Medien im Kindergarten – bewusst eingesetzt

´Als ich vor einigen Tagen einen guten Freund besuchte, war seine Enkeltochter gerade bei ihm. Ich schätze, dass sie 2 Jahre – höchstens 3 Jahre war. Sie nahm sich eine Zeitung vom Tisch und entdeckte ein Foto. Das Foto schien ihr wohl zu gefallen, denn sie versuchte, es mit zwei Fingern größer zu zoomen …´

So ähnlich erzählte mir ein etwa 70jähriger Herr diese Geschichte, als wir in unserem Gespräch über das Thema Handy, Tablet und Kinder plauderten …

In meinem Bericht „Autokino im Kindergarten?“ (Juni 2020) habe ich mich gegen den Einsatz von digitalen Medien in einer KiTa ausgesprochen. Gründe dafür sind vor allem meine Beobachtungen in den vergangenen Jahren, die das veränderte Spielverhalten, die zunehmend nachlassende Sprachentwicklung, die verminderte Kreativität, das nachlassende emphatische Sozialverhalten und die immer weniger werdende kindliche Unbeschwertheit betreffen.

Aufgrund dieser Beobachtungen fing ich an, nach Ursachen zu forschen. Ich habe das Leben der Kinder in der heutigen Zeit und in der Zeit vor 20 Jahren reflektiert und verglichen. Bei meinen Recherchen stieß ich vor vielen Jahren u.a. auch auf den Neurowissenschaftler Manfred Spitzer.

In Artikeln, Büchern, Videos von Manfred Spitzer, in welchen er sein neurologisches Wissen teilt und dies im Zusammenhang von digitalen Medien und der geistigen und motorischen Entwicklung der Kinder anwendet, weckt er in mir erschreckende Ängste für die Zukunft unserer Kinder. Wir berauben die Kinder ihrer kindgerechten unbeschwerten sorglosen Zeit beim Größerwerden und nehmen ihnen zunehmend die Möglichkeit, die Welt mit allen Sinnen zu erkunden und dabei alles zu verstehen, was sie für das Leben brauchen.

In seinem Buch „DIGITALE DEMENZ – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ erklärt er anhand von Fallstudien und Beispielen, was der digitale Konsum mit unserem Gehirn anrichtet. Je jünger die Kinder bei ihrem digitalen Erstkontakt sind und je intensiver und umfangreicher dieser in der Kinderwelt präsent ist, desto größer ist der nachhaltige negative Einfluss, den wir unseren Kindern antun. Das passt so gar nicht zu dem Spruch der meisten Eltern: „Ich möchte das Beste für mein Kind!“ Dabei ist es aber nicht das Beste, was wir den Kindern mit dem Überfluss an digitalen Medien bieten, sondern wir legen den Kindern damit gewaltige Steine in ihren Entwicklungsweg.

Kinder werden nicht klüger durch die digitale Welt, sondern weniger gebildet und abhängig. Wir nehmen den Kindern ihre angeborene Neugier und Entdeckerfreude. Eine Vorstufe für Lustlosigkeit und kein Bock auf Lernen? Eine Vorstufe für mögliches Suchtverhalten? Eine Vorstufe für Einsamkeit und Depressionen? 

Auch wenn ich persönlich die digitalen Medien von Kindern fernhalten möchte, weiß ich, dass diese Medien aus unserem Leben nicht mehr weg zu denken sind. Sie gehören dazu und werden einen immer größeren Stellenwert erreichen. Die ersten „Konsequenzen“ dieser digitalen Welt haben wir alle schon erfahren und kennen gelernt: Der soziale Umgang miteinander in den sozialen Netzwerken beweist uns allen, wie sich das „Sozial“verhalten untereinander verändert oder trauriger formuliert: zurück entwickelt hat. Leider findet dieser „soziale“ Umgang auch zunehmend im realen Miteinander Anwendung.

Wenn wir aber das Beste für unsere Kinder wollen, dann sollten wir den ersten Zugang zu den digitalen Medien mindestens auf das 4. Lebensjahr verzögern sowie die Nutzung von Fernsehen & Co auf ein Minimum reduzieren und kontrolliert anbieten. Auch sollten wir unser eigenes digitales Leben beobachten und reflektieren. Wichtig ist, uns selbst im Griff zu haben und vor den Kindern weitestgehend auf Handy, Tablet & Co verzichten. So bieten wir den Kindern eine Chance auf Normalität und Echtheit beim Größerwerden.

Wir alle – auch die Kinder – erhalten bereits außerhalb der Kindereinrichtung und dem Zuhause sehr viel Zugang bzw. Kontakt zu digitalen Medien: Bewegte Werbung an den Straßen und Einkaufshäusern, Fernseher in Gaststätten, überall Menschen, die ihr stetes Interesse dem Handy widmen. Schon seit Langem weisen immer mehr Künstler mit ernsten Texten auf diese Entwicklung in der Welt hin. Wir selbst lachen ertappt über Comedy, die sich über die zunehmende Machtlosigkeit vieler Eltern gegenüber dem Verhalten und Wünschen ihrer Kinder lustig macht. Eltern, die nach einem Arbeitstag keine Kraft mehr haben, sich dem „Kampf“ der Kinder gegen das Fernsehen oder Tablet zu stellen. Eltern, die lieber das Essen schnell allein vorbereiten, obwohl es mit dem Kind viel lustiger sein kann und der Zwerg nebenbei sogar noch versteht und begreift. Die Gemeinsamzeit wird in vielen Familien immer weniger und jeder ist irgendwie nur noch mit sich selbst beschäftigt.  Alleinunterhalter Fernsehen, Tablet, Handy werden immer präsenter und zum Inhalt der Freizeitgestaltung. Sie nehmen unseren Kindern jegliche Gelegenheit auf eigene Kreativität und Lernen mit allen Sinnen.

Dabei liegt es in unserer Hand, wie wir die Gestaltung der Spielzeit unserer Kinder lenken.   

Die KITa sollte ein Ort bleiben, der den Kindern Dinge bieten kann und sollte, die zu Hause in den Familien oft nicht möglich sind. Soziale Kontakte außerhalb der Familie, Freundschaften, Streitereien unter Gleichaltrigen, gemeinsame Absprachen, Ideen und Pläne beim Spielen und Experimentieren sollten die wichtigsten Inhalte sein, bei denen wir ErzieherInnen die Kinder begleiten.

Dabei gibt es die verschiedensten Medien, die wir einsetzen können, um das Wissen und die Fähigkeiten der Kinder zu erweitern und das Forschen und Entdecken der Kinder tiefgründig zu unterstützen.

Dass unsere Stimme ein wichtiges – wenn nicht sogar das wichtigste – Medium überhaupt ist, ist uns allen mehr oder weniger bewusst. Liebevolle leise Worte trösten, beruhigen, wecken Neugier, schenken Vertrauen … bestimmende lautere Ansagen zeigen Grenzen, Hinweise, Spannung an … donnernde Rufe machen auf Gefahren, Wut, Ärger aufmerksam … 

Beim Lesen und Erzählen von Geschichten, bei den verschiedenen Rollen im Handpuppen- oder Theaterspiel lässt die Stimme die verschiedenen Figuren „leben“ und wiedererkennen. Hoch – tief – piepsig – schnell – langsam – all diese Stimmen bestärken die verschiedensten Charaktere … genau wie im echten Leben.

Anhand unserer Stimme sensibilisieren wir die Kinder für die verschiedenen Gefühle. Das Kennenlernen und der Umgang mit diesen Gefühlen bereiten auf das Leben vor. Wut und Ärger müssen nicht mit schlagen oder schreien gezeigt werden – ein trauriges Gesicht beim anderen bedeutet, dass er im Moment nicht fröhlich ist. Dies zu erkennen und in diesem Moment den anderen vielleicht in Ruhe zu lassen oder ihm Hilfe anzubieten, ist ein wichtiger Lernprozess, welcher nur in der realen Welt gemacht werden kann.

Anhand der gesprochenen Laute der Erwachsenen lernen die Kinder sprechen. Das gelingt ihnen, weil sie unsere Lippen- und Zungenbewegungen erkennen – synchron zum gesprochenen Wort. Hören und Sehen laufen synchron ab! Ein zu 100% positiver Einfluss auf die Sprachentwicklung der Kinder.

Die Sprache der „Figuren“ im Fernsehen, auf dem Tablet oder gar auf dem Minidisplay des Handys wird zwar akustisch vom Kind wahrgenommen, aber die wortformenden Bewegungen des Mundes sind nicht zu erkennen. Und die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass die Kinder von den bunten – viel zu schnell bewegenden – Bildern auf dem Bildschirm von der Sprache abgelenkt werden.

Weitere Medien, die die Kinder in der Kindereinrichtung alltäglich beim spielenden Lernen begleiten sind u.a. Zeitschriften, Bücher, Fotos, CD´s, Instrumente … All diese Dinge sollten auch gezielt in Projekten eingesetzt werden. Dabei helfen sie, das Gelernte immer wieder zu wiederholen, zu vertiefen und somit abzuspeichern.

Über die Schulung der Sprache des Kindes unterstützen Zeitschriften etc. auch die Entwicklung der Grob-und Feinmotorik der Kinder. Das Umblättern der dünnen Papierseiten in den Büchern will erst mal gelernt sein. Dünnes Papier kann zerreißen, wenn man zu schnell blättert – Pappe ist da schon stabiler. Instrumente gibt es aus Holz, Plastik und auch Metall. Alles fasst sich anders an und ist unterschiedlich schwer. Kalt, warm, weich, hart, leicht, schwer – alles das kann man vor dem Fernseher nicht lernen. Selbst wenn es erklärt werden würde, fehlen dabei die eigenen Sinne, die die Kinder begreifen und verstehen lassen. 

Beim Ansehen von Fotos werden Erinnerungen wach und Erlebnisse erzählt. Selbst zu Bildern Geschichten auszudenken oder die bekannte Geschichte nachzuerzählen, schult das Gedächtnis und die Sprache.

Gezielt eingesetzte Fotos von fertig gebauten Häusern/Straßen aus Holzbausteinen wecken die Lust, selbst etwas zu bauen – vielleicht sogar das Haus aus den Bausteinen auf dem Foto nach zu bauen. Fotos von selbst gemalten Bildern geben eine Art Beispiel oder Anleitung, um selbst mal eine Blume, einen Baum oder die Mama zu malen.

Stellen wir den Kindern Fotoapparate zur Verfügung, können sie ihre Welt auch einmal durch eine Kamera entdecken. Das, was sie bereits durch Ferngläser entdecken konnten, halten sie jetzt in einem Foto fest. Gezielte Aufgaben für Fotos wecken in den Kindern den Forscherdrang. ‚Fotografiere die Blätter von drei verschiedenen Bäumen.‘ ‚Finde fünf Dinge, die rot sind und fotografiere sie.‘ Daraus kann man dann wunderbar ein Such- oder Zuordnungsspiel mit den Kindern herstellen.  Fotos vom fertigen Steckbild, das ins Portfolio soll, können die Kinder selbst knipsen und später aufkleben. Vorschulkinder finden vielleicht schon im Kindergarten, der Natur oder der Umgebung den Anfangsbuchstaben des eigenen Vornamens oder Dinge, die rund oder eckig sind.

Die digitale Welt begleitet unser gesamtes Leben. Die digitale Welt kann uns bei sehr vielem unterstützen. Die digitale Welt kann uns aber auch viel von unserem realen Leben wegnehmen. Jeder allein hat es in der Hand, inwieweit er sich von der digitalen Welt beeinflussen und lenken lässt. Aber jeder ist auch in der Verantwortung, Kindern eine sichere, spannende und unbeschwerte Entwicklung mit allen Sinnen in der Realität zu bieten. 

Kinder sollen auch an den gesunden Umgang mit den digitalen Medien herangeführt werden – nachdem sie sich eine eigene solide Wissensbasis in der realen Welt angelegt haben.

Anfassen Johannes Oerding https://www.youtube.com/watch?v=8HS4Lmo0cmE

Wir wissen alles überall.
Doch viel zu wenig über uns.
Und dieses Bisschen wird dann noch geteilt.


Was einmal echt war, ist jetzt kalt.
Heute künstlich, früher Kunst.
Wer Grenzen nicht bemerkt, geht oft zu weit.

Wir haben tausende von Freunden.
Doch haben sie jedoch noch nie gesehen.
Denn viel zu grell blendet der bunte Schein.


Wir haben tausende von Träumen.
Doch verlieren das echte Leben.
Es zerfällt zu Staub aus Nullen und Einsen.

Ich brauche was zum Anfassen.
Dann kann ich wieder loslassen.
Ich will mich nicht mehr anpassen.
Ich will mein Leben wieder selbst in der Hand haben.
Denn wir ertrinken mehr und mehr
in diesem kalten, Lichtermeer.
Wenn überall immer alles geht,
ist der Moment nichts mehr wert.

Falsche Richtung Schritt für Schritt,
bis die nächste Welle bricht.
Keine Zeit um noch mal Luft zu holen.


Wir entfernen uns Klick für Klick Minnesota 612 find phone ,
von dem was eigentlich wirklich ist.
Ey, schwimmen wir gegen oder mit dem Strom?

Wir haben tausende von Träumen.
Doch verlieren das echte Leben.
Wir verlaufen uns im Smog und Nebel.

Ich brauche was zum Anfassen.
Dann kann ich wieder loslassen.
Ich will mich nicht mehr anpassen.
Ich will mein Leben wieder selbst in der Hand haben.
Denn wir ertrinken mehr und mehr
in diesem kalten Lichtermeer.
Wenn überall immer alles geht,
ist der Moment nichts mehr wert.

Und wie oft hab‘ ich schon gedacht?
Wie oft haben wir uns verpasst,
weil unsere Welt zu laut blinkt?


Man kann viel klarer hören und sehen,
viel besser fühlen und verstehen.
Komm lass mal wieder ’n bisschen reden
und die Köpfe wieder hochnehmen!

Ich brauche was zum Anfassen.
Dann kann ich wieder loslassen.
Ich will mich nicht mehr anpassen.
Ich will mein Leben wieder selbst in der Hand haben.
Denn wir ertrinken mehr und mehr
in diesem kalten Lichtermeer.
Wenn überall immer alles geht,
ist der Moment nichts mehr wert.